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Getrennte Welten

Leseproben

Leseprobe 1

  Adam sah zu, wie sich Gina am Kartentisch abstützte und die Schultern rollte. Ihr weißes T-Shirt bewegte sich und gab, auch wenn sie sich bemühte, sich in viel zu großen Sachen zu verhüllen, preis, dass sie an allen Stellen ein paar Pfund mehr herumtrug als dem Ideal nach zulässig war. Bei einem Mann hätte man gesagt, er wäre stabil gebaut, bei einer Frau nannte man es Übergewicht. Alles an Gina war rundlich, und sie war zu klein, um sich vorteilhaft zu kleiden. Was dazu führte, dass sie erst recht und mit dem Ausdruck permanenter Bockigkeit schluderig herumlief. Die blaue Hose war weit und etwas lang, die grünen Socken derb. Sie trug an Bord keine Schuhe. Adam hatte sich gewundert, warum, und sie hatte ihm widerwillig erklärt, kaum Stiefel zu finden, die auf ihre breiten Füße passten.

  Er lächelte in ihren Rücken, als sie ein brummendes Geräusch der Unzufriedenheit von sich gab. Adam hatte ihr eine große Tasse Kaffee-Ersatz in Reichweite gestellt. Sie nahm einen Schluck, stellte die Tasse zurück und brummte wieder etwas Unverständliches. Der Spruch über die bescheuerte Technik und die Kälte an Bord war schon gefallen, also konnte er sich ausrechnen, das nächste Ziel zu sein. Er seufzte und verrenkte sich den rechten Arm, um sich in der Mitte des Rückens zu kratzen. Eine heiße Dusche wäre jetzt sehr willkommen, aber die Wiederaufbereitung von Wasser gehörte zu den aufwendigsten Abläufen an Bord. Die Energie würde anderen Systemen fehlen, und er wusste nicht, wann er sie wieder aufladen konnte. Trotzdem kam er sich schmutzig vor, nachdem er vor einer halben Stunde vom Computer aus dem Schlaf geholt worden war. Ein Notsignal von AMR569 war eingegangen, und Gina beugte sich über den Datensatz.

  „Es sollte ein wirklich wichtiger Notruf sein, wenn ich dafür aus meinem Schönheitsschlaf geweckt werde.“ Ihr Grinsen war pure Ironie, und er erwiderte die Geste. Adam sagte „Yeah...“ auf eine Art, die sie wissen ließ, dass er den Sinn der Unterhaltung schon längst kannte. Er hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie schon gemeinsam aus dem Hyperschlaf erwacht waren. Die Rituale – abgesehen von Beinahekollisionen – waren immer die gleichen. „Sag’ mir, was los ist, Kleiner, ich lauf' noch im Sparbetrieb.“ Sie gähnte und machte sich dabei nicht die Mühe, die Hand vor den Mund zu nehmen. Adam stellte sich neben sie und sah hinunter auf die Konsolen. Der Computer spuckte gerade die Daten für ihren Anflug aus.

  „Das Notsignal stammt von einem kleinen Shuttle, Geronimo-Klasse. Gehört zu einem Frachtschiff im Orbit des Planeten.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu, fragend, abwartend. Sie nickte, was bedeutete, er solle fortfahren. Er zuckte die Brauen. Normalerweise wurde er in diesem Moment bereits von ihr unterbrochen, weil sie bereits – ihrer Ansicht nach – alles wusste. Sie gähnte erneut, und ihr Mundgeruch traf ihn wie ein Holzklotz. Er räusperte sich. „Offenbar kann das Frachtschiff kein weiteres Shuttle entsenden, oder es ist keins an Bord.“

  „Welches Frachtschiff ?“

Leseprobe 2

Wellen, die gegen die Strömung nicht hätten existieren dürfen, rollten ans Ufer. Weiße Schaumkronen thronten auf den ersten, die seitlich gegen Baumstämme trafen und sich brachen. Das Rauschen des Wassers schwoll an, unheilvoll, drohend, ein scharfer Kontrast zu den Gesängen und Gesprächen am Feuer. Eine größer werdende Bugwelle kündigte etwas an, das mit großer Geschwindigkeit durch das Wasser pflügte. Die Frauen an den Hütten hoben die Köpfe, eine rief etwas, und Adam wirbelte herum. Jean kniete am Wasser und wusch sein Hemd aus, leise fluchend. Wäre nicht der Feuerschein gewesen, hätte man ihn nicht einmal sehen können. Das Wasser kam näher und etwas mit ihm. Die Luft schien mit Spannung erfüllt, und Adam glaubte, das elektrische Singen zu hören.

»Jean! Weg da!« Adam war auf dem Weg, rannte, stolperte so schnell es seine Beine zuließen, aber der Sand war dick; er hielt ihn fest. Er kam viel zu langsam voran. Etwas Großes, Langgestrecktes mit kurzen, grauen Widerhaken schnellte aus dem Wasser.
»Jean!«

Es war doppelt so lang wie ein Mann, dicker als ein Oberschenkel und so beweglich wie ein junger Zweig. Jean sah auf, sah das glänzende Etwas auf sich zuschnellen. Panik erfasste ihn. Er fiel auf den Hintern und strampelte wie ein Krebs, um vom Ufer wegzukommen. Die Spitze streckte sich nach vorn, schneller als das menschliche Auge es erfassen konnte. Es schlang sich um Jeans Oberkörper, riss ihn von den Füßen nach vorn. »Jean!« Die Dorfbewohner waren aufgestanden, doch sie schienen wie gelähmt. Wasser spritzte auf, brodelte um das Untier, doch noch immer war nur der lang gestreckte Arm zu sehen. Jean versuchte, den Arm von sich wegzudrücken, sich herauszuwinden. Er schlug mit den Fäusten darauf ein, während er herumgewirbelt wurde. Ein zweiter Arm erhob sich aus dem schäumenden Wasser. Jean schrie um Hilfe. Der zweite Arm umfasste seine Beine, beendete sein Strampeln. Er war machtlos gegen die unbändige Kraft, die ihn gefangen hielt. Adam rannte den Strand hinunter, schlagartig nüchtern und von solcher Angst gepackt, dass ihm schlecht wurde. Gina war irgendwo rechts von ihm. Er hörte sie rufen. Die Arme, so schnell wie sie erschienen waren, zogen Jean ins Wasser. Sein Schreien erstickte. Gina gab einen einzigen Schuss ab und fluchte um so lauter. Die Arme verschwanden mit ihrer Beute tiefer zurück in den Fluss. Die Wellen klatschten darüber zusammen, Schaum tanzte auf dem wirbelnden Wasser. »Jean!« Adam stürzte sich in den Fluss, ignorierte das panische Kreischen der Frauen hinter sich.

Ein ungeahnter Sog erfasste ihn, zog ihn in die Tiefe. Das Wasser war schwarz; er konnte nichts sehen, und in dem Strudel hörte er ein lautes Rauschen. Und noch etwas anderes, etwas, das nicht von einem Tier stammen konnte. Er drehte sich in der Tiefe, strengte seine Augen an, um einen Blick auf das Monster zu erhaschen; um vielleicht zu sehen, wohin es wollte. Nichts. Nur ein Strudel aus Luftblasen, die er selbst verursachte. Er musste auftauchen und kämpfte gegen den Sog an. Er ahnte nicht, wie weit er nach unten gezogen worden war, doch die Luft wurde knapp. Er konnte schwimmen und tauchen nicht unbedingt verbreitet unter Ingenieuren aber seine Fähigkeiten waren begrenzt. Über ihm war nur Wasser, schwarz und kalt und bedrohlich. Seine Lungen brannten. Er strampelte gegen die Kraft an, die ihn fortreißen wollte und wurde doch nach unten gesogen. Dann, als wäre das Tier plötzlich verschwunden, schnellte Adam nach oben. Nach Luft schnappend sah er sich an der Oberfläche um und ruderte mit den Armen gegen die Strömung. Sein Herz schlug schmerzend schnell. Er fürchtete, abgetrieben zu werden und hustete, als er Wasser schluckte. Hinter ihm gab es noch eine Welle, doch der Sog nahm ab.

Was immer Jean gepackt hatte, entfernte sich vom Ufer.

Impressum: Peter Balkau, Freiheit 3, 13597 Berlin, Germany

balkau-web@power.ms

Getrennte Welten - Neu
Preis: 12,90 €

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